Kreuzwegstationen Baienfurt
I. Station
Bernhard Staudacher
Der Kreuzweg in Baienfurt von 1931/32
I. Station: Jesus wird zum Tod verurteilt
Der Kreuzweg in Baienfurt wurde 1931 dank einer großzügigen Spende aus der Gemeinde realisiert. Besonders die I. Station weicht deutlich von den vorangegangenen Entwürfen und dem übrigen Werk des Künstlers Alois Schenk ab. Während er sonst Menschenmengen und laute Szenen mied, fügte er hier spontan eine schreiende Menge hinzu, die den Tod Jesu fordert. Diese Darstellung geht über eine bloße Stilisierung der Gegner Jesu hinaus und wird von Fritz Endemann als offener Antisemitismus bewertet.
In Schenks Tagebüchern, Skizzen, Studien und früheren Kreuzwegdarstellungen finden sich jedoch keinerlei Hinweise auf antisemitische Tendenzen. Der Entwurf von 1926 kommt ohne die Gruppe der Juden aus. Die spontane Einfügung einer schreienden Menschenmenge in Baienfurt steht somit im klaren Widerspruch zu seiner sonstigen künstlerischen Haltung und seinem ausgeprägten Bedürfnis nach Ruhe.
I. Station – Entwurf (1926)
I. Station – Vorzeichnung auf dem frischen Putz (1931)
Eine detaillierte Analyse der Bildkomposition zeigt, dass Schenk die Gruppe der „Juden“ improvisierend und schrittweise in das Bild „einwebte“. Dabei entstanden formale Unstimmigkeiten in der Zuordnung von Armen und Köpfen. Die Figuren sind durch orientalische Kleidung, Kopfbedeckungen und Physiognomien gekennzeichnet, die auf Reiseeindrücke aus dem osmanisch geprägten Orient zurückgehen. Schenk war von 1914 bis 1918 im Orient (Irak) als Soldat im Einsatz. Gleichzeitig greift Schenk auf
tradierte antijudaistische Bildstereotype zurück, insbesondere durch die Darstellung von „Hakennasen“, und grotesken Gesichtszügen.
Die wiederholt erhobenen Arme mit Zeigegestus erinnern formal an den zeitgenössischen „Deutschen Gruß“. Obwohl Schenk diese Wirkung durch den Einsatz der linken Hand verschleiert, bleibt der Eindruck einer aggressiven, hetzenden Masse bestehen. Eine besonders antisemitische Kopfzeile in der Vorzeichnung wurde anschließend übermalt. Das Zusammenspiel von Händen und Köpfen ist in sich nicht stimmig. Die Atmosphäre einer erregten Menge im Orient hat er dagegen gut eingefangen. Er hatte die Erhebung der einheimischen Bevölkerung gegen die türkische Herrschaft und die mit ihnen verbündeten deutschen Soldaten 1918 hautnah erlebt. Zum Vergleich eine Aufnahme von 2026.
Durchweg kommt die rechte Hand zum Einsatz! Die geöffneten Münder ersetzen den Ton. Schenks ausgeprägtes Bedürfnis nach Ruhe ist gut dokumentiert. Die problematische Darstellung entstand offensichtlich spontan. Wurde Schenk bei seiner Anreise oder in der vorangegangenen Nacht empfindlich gestört und war er deshalb verstimmt? Gab es am Vortag/Abend einen lautstarken Auftritt von Anhängern der NSDAP im Gasthaus Adler, der bei ihm Erinnerungen aus dem ersten Weltkrieg wachrief? Dann wäre die Gemengelage aus Armen und Köpfen als spontane Reaktion auf die Ruhestörung zu interpretieren. Für spätere Kreuzwege, etwa in Aalen (1937), griff Schenk diese Darstellung nicht mehr auf; dort fiel die Bildsprache deutlich zurückhaltender und „harmloser“ aus.
Insgesamt stellt die I. Station des Baienfurter Kreuzwegs eine singuläre, aus dem Gesamtwerk Schenks herausfallende Arbeit dar, die antisemitische Bildsprache verwendet, ohne dass sich daraus auf eine grundsätzliche antisemitische Haltung des Künstlers schließen lässt. Schenk war ein unpolitischer Mensch und lebte in seinem Künstlerkosmos.