Katholische Kirche

Baienfurt – Baindt

Kreuzwegstationen Baienfurt

VI. Station

Bernhard Staudacher

 

Der Kreuzweg in Baienfurt von 1931/32

 

VI. Station: Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

Der Kirchenmaler Alois Schenk schuf 1927 in der Kirche von Baienfurt die Innenausmalung mit Fresken im Chor sowie probeweise die VI. Kreuzwegstation. Nach früheren Kontroversen in Röhlingen wollte er künstlerisch auf Nummer sicher gehen. Bischof Sproll äußerte sich bei der Kirchweihe 1927 positiv, doch aus finanziellen Gründen wurde der vollständige Kreuzweg erst 1931/32 dank einer großzügigen Spende aus der Gemeinde realisiert.

VI. Station – erste Fassung von 1927

In seinem Kreuzweg verzichtete Schenk bewusst auf martialische Darstellungen. Die Soldaten und ihre Knechte erscheinen nur in einzelnen Fällen bewaffnet. Schenk unterscheidet zwischen Römern (Legionären), angedeutet durch den Streifenrock (Pteryges) und Knechten in Alltagsgewändern. Schenk konzentriert sich auf das innere Drama der Passion. Besonders auffällig ist der respektvolle, ehrfürchtige Gestus der römischen Soldaten. In der VI. Station kniet der Soldat vor dem Antlitz Christ im Schweißtuch nieder. In der Kreuzigungsszene nimmt Longinus seinen Helm ab und verneigt sich.

In die zweite Fassung der VI. Station von 1931 und in die VIII. Station integrierte Schenk konkrete Portraits realer Personen. Veronika trägt nach Aussagen von Zeitzeugen die Gesichtszüge von Klara Weiss (1907–1960), Tochter des Baienfurter Gastwirts Thomas Weiss. Um ihre Haare zu zeigen, wählte Schenk bei der Neufassung einen durchsichtigen Schleier und veränderte die Komposition der Figuren zugunsten ihres Portraits im Profil auf Kosten des Antlitz Christi im Schweißtuch.

        Annemarie Schank geb. Weiss um 1924 (Foto undatiert), in der VIII. Station (1932) und Klara Weiss in der VI. Station von 1931

 

Die Wahl Klaras als Modell ist möglicherweise biografisch motiviert: Sie war 24 Jahre alt, so alt wie Schenks 1930 verstorbene Frau Annemarie als sie sich auf Capri kennenlernten. Eine Ähnlichkeit ist nicht zu übersehen.

Ob Schenk Klara Weiss zuvor gefragt hatte? – Rückblickend erwies sich ihr Portrait als problematisch: 1937 ging Klara eine nicht kirchlich anerkannte „Mischehe“ mit einem evangelischen Partner ein. Ihr Vater galt als überzeugter NSDAP-Anhänger, was möglicherweise eine kirchliche Trauung zusätzlich erschwerte. Es ist anzunehmen, dass Klara Weiss ihre Darstellung als „Heilige“ in der Kirche später als belastend empfand.